08.11.2019 
Erholung an der Börse

Das trügerische Comeback der deutschen Banken

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Der Höhenflug an den Börsen hat auch die Kurse deutscher Bankaktien nach oben getrieben. Für Anleger bleiben Aktien von Deutscher Bank, Commerzbank und Co. aber eine riskante Wette.

Aktionäre von Deutscher Bank und Commerzbank, der beiden meist beachteten deutschen Geldinstitute an der Börse, machten während der vergangenen Wochen eine höchst ungewohnte Erfahrung: Kursgewinne.

Seit Jahren befinden sich die Papiere beider Häuser unter Dauerdruck. Besonders aufmerksam verfolgte die Öffentlichkeit die Talfahrt der kriselnden Deutschen Bank, deren Aktie von einst mehr als 80 Euro auf weniger als zehn Euro gefallen ist. Besser sieht es bei der Commerzbank langfristig auch nicht aus: Vor der großen Finanzkrise sowie dem teilweisen Einstieg des Staates bei dem Geldhaus kostete dessen Papier zeitweise deutlich mehr als 200 Euro. Inzwischen notiert auch die Aktie der Commerzbank bei nicht einmal mehr sechs Euro.

Da waren die vergangenen Wochen doch ein kleiner Lichtblick. Die Aktie der Deutschen Bank legte auf Sicht eines Monats um etwa 4 Prozent zu, und das, obwohl die Veröffentlichung der jüngsten Quartalsergebnisse vor wenigen Tagen erneut einen veritablen Kurssturz auslöste. Noch besser performte seit Anfang Oktober das Papier der Commerzbank : Mit einem Kursplus von mehr als 10 Prozent schlug die Aktie sogar den Dax , der es im gleichen Zeitraum auf lediglich rund 7 Prozent brachte.

Hoffnung auf bessere Zeiten also für die leidgeplagten Anteilseigner beider Institute? Wohl eher nicht. Denn ein Großteil der Kursgewinne dürften auf Ursachen zurückzuführen sein, auf die beide Banken sowie deren Manager gar keinen Einfluss genommen haben.

Das Marktumfeld für Banken bleibt schwierig

Zu nennen ist zuallererst die in den vergangenen Wochen generell gute Stimmung an den Börsen, die die Kurse auf breiter Ebene hat steigen lassen. Hintergrund war eine augenscheinliche Annäherung zwischen den USA und China im Handelsstreit sowie die Aussicht darauf, dass die allgemein erwartete Konjunktureintrübung nicht so heftig ausfallen könnte wie erwartet. In dem Umfeld griffen Investoren vor allem bei Papieren zu, die in den Turbulenzen zuvor besonders stark verkauft worden waren - wie beispielsweise bei Banken.

"Bankaktien waren in den letzten Monaten aufgrund von Konjunktursorgen und fallenden Zinsen stark unter Druck gekommen", beobachtet auch Manuel Mühl, Aktienanalyst bei der DZ Bank. "Auf dem aktuell sehr niedrigen Bewertungsniveau konnten sie daher von der positiveren Gesamtmarktstimmung an den Aktienmärkten profitieren."

Hinzu kommt nach Angaben des Analysten ein verbessertes Zinsumfeld: "Die Risikobereitschaft der Investoren ist zuletzt wieder gestiegen", sagt er. "Im Zuge dessen sank die Nachfrage nach sicheren Häfen wie Staatsanleihen oder Gold, was unter anderem zu einem Anstieg der Rendite auf zehnjährige Staatsanleihen geführt hat. Diese Entwicklung kommt den Bankaktien zugute."

Analysten sind skeptisch

Gründe für den Kursanstieg bei Deutscher Bank und Commerzbank, die unmittelbar mit den Häusern zusammenhängen, finden sich Fachleuten zufolge allerdings kaum. Im Gegenteil: Beide Institute stehen offenbar schlechter da als ein Großteil der internationalen Konkurrenz.

"Viele europäische sowie die ohnehin in einem positiveren Umfeld agierenden US-Banken haben bei ihren Quartalsergebnissen zuletzt die Erwartungen übertroffen", sagt Analyst Mühl. Im Fazit bleibt er jedoch skeptisch: "Insgesamt bleibt das Umfeld für europäische Banken weiter angespannt."

Passend dazu musste die Deutsche Bank Ende Oktober einmal mehr einen Quartalsverlust vermelden. Nach einem Minus von mehr als drei Milliarden Euro im zweiten Quartal betrug der Fehlbetrag diesmal immerhin noch mehr als 800 Millionen Euro, geschuldet vor allem dem anhaltenden Konzernumbau. Damit stieß die Bank ihre Investoren offenbar erneut vor den Kopf, wie sich am spontanen Kursrutsch um rund 6 Prozent erkennen lässt.

Die Commerzbank dagegen konnte ihre Aktionäre zunächst positiv überraschen: Der Gewinn stieg im dritten Quartal um 35 Prozent auf fast 300 Millionen Euro, das war mehr, als Analysten erwartet hatten. Der Dämpfer kam jedoch einige Tage später, als das Geldhaus seine Ziele für 2019 kassierte. Und die Commerzbank setzte noch einen drauf: Angesichts der Negativzinsen in Euroland wird das Bankhaus nun auch Strafzinsen für Kunden mit hohen Spareinlagen einführen - ein Horrorszenario für Sparer.

Kein Wunder also, dass bei Beobachtern die Skepsis überwiegt. "Ich sehe die teilweise recht positive Kursentwicklung europäischer Banken nicht fundamental begründet", teilt auch Michael Seufert, Bankenanalyst bei der Nord LB, mit. Es handele sich eher um eine technische Reaktion auf den langen Wertverfall, der den europäischen Bankenindex fast wieder auf das Niveau aus der Weltfinanzkrise gedrückt habe.

Negativzins in Euroland - auch Commerzbank führt Strafzinsen ein

"Angesichts einer Vielzahl von Negativfaktoren für die Geldhäuser rechne ich in nächster Zeit mit keinem nachhaltigen Aufwärtspotenzial, das eine höher Bewertung der Bankaktien rechtfertigen würde", so Seufert. Als Beispiele für Belastungsfaktoren nennt er: die konjunkturelle Eintrübung, Negativzinsen, starken Wettbewerb, Digitalisierungskosten, die Konkurrenz von Tech-Firmen und weiteres.

Ähnlich klingt die Einschätzung der VP Bank aus Liechtenstein. "Grundsätzlich stehen wir dem europäischen Bankensektor für eine mittel- bis längerfristige Positionierung neutral bis skeptisch gegenüber", so Harald Brandl, Aktienstratege des Hauses. Als Gründe nennt er: fehlende tragfähige Strategiekonzepte, ein schwieriges Wirtschaftsumfeld in einem Wirtschaftsraum, der stark vom verarbeitenden Gewerbe abhängig ist, fehlende internationale Wachstumsfelder sowie nach wie vor eine zu extreme, pauschalierende Regulierung des Bankensektors.

Für die Aktionäre deutscher Banken kann das eigentlich nur eins bedeuten: Sie sollten das ungewöhnlich gute Gefühl, das ihnen Kursgewinne zurzeit vermitteln, wohl bestmöglich auskosten. Es könnte schon bald wieder vorüber sein.

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